Am Nach­mit­tag fing es wie­der an zu reg­nen. Ich hat­te das Glück, einen Zelt­platz zu fin­den, weit vom nächs­ten Ort, ganz zu schwei­gen von mei­nem Tages­ziel. Kein Mensch zu sehen, das Haus am Ein­gang schien unbe­wohnt, aber das Tor stand offen. Der gan­ze Platz bestand aus einer Wie­se und vier ver­ram­mel­ten Block­hüt­ten. Im Wasch­haus gab es aus­schließ­lich Behin­der­ten­toi­let­ten; in den rie­si­gen Dusch­ka­bi­nen sam­mel­te sich das Laub.

Ich bau­te mein Zelt auf, stell­te den Gas­ko­cher mit­ten rein und setz­te mich nackt vor die Flam­me. Spä­ter ging ich auch nackt durch den Regen zur Dusche. Als ich fer­tig war, hat­te der Regen auf­ge­hört, und im Haus fla­cker­te ein Fern­se­her. In einem der Fens­ter sah ich kurz das Gesicht einer Frau. Ich rann­te zum Zelt und zog mich an.

Jetzt sah ich auch, dass neben dem Zelt­platz eine Stra­ße ver­lief, die zu einem Nach­bar­haus führ­te. Schon kam ein Auto die Stra­ße ent­lang und park­te vor die­sem Haus. Den Fah­rer konn­te ich nicht sehen. Ein rie­si­ger Schä­fer­hund, der mit hän­gen­der Zun­ge den Kopf aus dem Fens­ter hielt, ver­sperr­te die Sicht. Nur ein lan­ger Bart rag­te hin­ter dem Tier her­vor.

Vom Ein­gang kam jetzt etwas schlep­pend ein Mann auf mich zu. Auf ein­mal war rich­tig was los, einer­seits beru­hi­gend, ande­rer­seits ernüch­ternd. Nach mei­nem Auf­tritt als Flit­zer rech­ne­te ich mit Ableh­nung. Ich beeil­te mich, ihm ent­ge­gen zu gehen.

Wir gaben uns die Hand. Ich hat­te nicht den Ein­druck, dass er mir etwas übel nahm, aber auch nicht, dass er sich freu­te. Erst als wir uns einig waren, die For­ma­li­tä­ten auf mor­gen zu ver­schie­ben, wur­de er freund­li­cher. Er bot mir sogar an, zum Früh­stück ins Haus zu kom­men – nur bit­te nicht vor neun. Ich hat­te mich noch nicht bedankt, da dreh­te er sich um und ging in sei­nen Pan­tof­feln zurück über den mat­schi­gen Weg.

Kaum war er im Haus ver­schwun­den, erschien wie­der der Nach­bar mit dem Schä­fer­hund, dies­mal zu Fuß am Wald­rand. Er war stramm unter­wegs und starr­te mich unge­niert an. Ich starr­te zurück und zuck­te mit den Schul­tern, wie um zu sagen: »Und was jetzt?« Er zuck­te sofort auch mit den Schul­tern: »Weiß ich doch auch nicht.«

Am Abend fing der Regen wie­der an und hör­te auch die gan­ze Nacht nicht auf. Es klatsch­te so laut aufs Zelt, dass ich kaum schla­fen konn­te und mor­gens lan­ge lie­gen­blieb. Ich putz­te mir schließ­lich im Zelt­ein­gang die Zäh­ne und ging zum Haus, um der Ein­la­dung zu fol­gen.

An der Haus­tür kleb­te ein Zet­tel:

Konn­te nicht län­ger war­ten, wo bleibst Du denn? Alles wie immer, nur der jun­ge Mann kommt viel­leicht auf einen Kaf­fee vor­bei.

Ich ging rein und stand im Wohn­zim­mer. Auf dem Ess­tisch fand ich Crois­sants und eine Ther­mos­kan­ne, mach­te mir einen Kaf­fee zurecht und woll­te schon wie­der zum Zelt gehen, als ich aus dem Neben­raum eine Stim­me hör­te.

»Wo bleibst Du denn, wir sind schon viel zu spät.«

Eine Tür ging auf, und vor mir stand die Frau, die ich im Fens­ter gese­hen hat­te. Sie war kahl und hielt eine Perü­cke in der Hand. Das Kleid, das ihr frü­her gut gepasst haben muss­te, hat­te sie an der Sei­te zusam­men­ge­kno­tet. Ihre Lip­pen waren auf­ge­platzt, und sie hat­te tie­fe Rin­ge unter den Augen. Sie grins­te mich an. Ich fing an zu stot­tern.

»Guten Tag, Ent­schul­di­gung, Ihr Mann hat­te mich …«

»Ich weiß«, sag­te sie. »Ich hat­te gehofft, Sie kämen nackt.« Sie hielt ihre Perü­cke hoch: »Jetzt sind wir ja quitt. Set­zen Sie sich.«

Wir setz­ten uns, sie zog die Perü­cke auf.

»Dan­ke für den Kaf­fee«, sag­te ich.

»Schon gut«, sag­te sie und schlug die Bei­ne über­ein­an­der. Das Kleid rutsch­te hoch, und ich schau­te nicht schnell genug weg. Sie lächel­te und senk­te die Stim­me.

»Mein Mann ist in die Stadt gefah­ren, der kommt erst spä­ter zurück.«

Sie sah mich an. Ich wuss­te nicht, was ich sagen soll­te. Sie lach­te laut auf und rief: »Wo bleibt denn nur Jean-Clau­de? Haben Sie ihn gese­hen, unse­ren Nach­barn? Lan­ger Bart, gro­ßer Hund.«

»Nein«, sag­te ich, »heu­te noch nicht.«

In dem Moment hör­ten wir drau­ßen die Hupe. Sie sprang auf und eil­te zur Tür, ich hin­ter­her.

»Zie­hen Sie nach­her zu«, sag­te sie.

Auf dem Weg zum Auto dreh­te sie sich nicht mehr um. Ich blieb in der offe­nen Tür ste­hen. Der Hund saß dies­mal auf dem Rück­sitz, mit sei­ner hän­gen­den Zun­ge, und glotz­te mich an, bis das Auto auf die Land­stra­ße abge­bo­gen war.

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