wo bleibt denn nur jean-claude

Am Nachmittag fing es wieder an zu regnen. Ich hatte das Glück, einen Zeltplatz zu finden, weit vom nächsten Ort, ganz zu schweigen von meinem Tagesziel. Kein Mensch zu sehen, das Haus am Eingang schien unbewohnt, aber das Tor stand offen. Der ganze Platz bestand aus einer Wiese und vier verrammelten Blockhütten. Im Waschhaus gab es ausschließlich Behindertentoiletten; in den riesigen Duschkabinen sammelte sich das Laub.

Ich baute mein Zelt auf, stellte den Gaskocher mitten rein und setzte mich nackt vor die Flamme. Später ging ich auch nackt durch den Regen zur Dusche. Als ich fertig war, hatte der Regen aufgehört, und im Haus flackerte ein Fernseher. In einem der Fenster sah ich kurz das Gesicht einer Frau. Ich rannte zum Zelt und zog mich an.

Jetzt sah ich auch, dass neben dem Zeltplatz eine Straße verlief, die zu einem Nachbarhaus führte. Schon kam ein Auto die Straße entlang und parkte vor diesem Haus. Den Fahrer konnte ich nicht sehen. Ein riesiger Schäferhund, der mit hängender Zunge den Kopf aus dem Fenster hielt, versperrte die Sicht. Nur ein langer Bart ragte hinter dem Tier hervor.

Vom Eingang kam jetzt etwas schleppend ein Mann auf mich zu. Auf einmal war richtig was los, einerseits beruhigend, andererseits ernüchternd. Nach meinem Auftritt als Flitzer rechnete ich mit Ablehnung. Ich beeilte mich, ihm entgegen zu gehen.

Wir gaben uns die Hand. Ich hatte nicht den Eindruck, dass er mir etwas übel nahm, aber auch nicht, dass er sich freute. Erst als wir uns einig waren, die Formalitäten auf morgen zu verschieben, wurde er freundlicher. Er bot mir sogar an, zum Frühstück ins Haus zu kommen – nur bitte nicht vor neun. Ich hatte mich noch nicht bedankt, da drehte er sich um und ging in seinen Pantoffeln zurück über den matschigen Weg.

Kaum war er im Haus verschwunden, erschien wieder der Nachbar mit dem Schäferhund, diesmal zu Fuß am Waldrand. Er war stramm unterwegs und starrte mich ungeniert an. Ich starrte zurück und zuckte mit den Schultern, wie um zu sagen: »Und was jetzt?« Er zuckte sofort auch mit den Schultern: »Weiß ich doch auch nicht.«

Am Abend fing der Regen wieder an und hörte auch die ganze Nacht nicht auf. Es klatschte so laut aufs Zelt, dass ich kaum schlafen konnte und morgens lange liegenblieb. Ich putzte mir schließlich im Zelteingang die Zähne und ging zum Haus, um der Einladung zu folgen.

An der Haustür klebte ein Zettel:

Konnte nicht länger warten, wo bleibst Du denn? Alles wie immer, nur der junge Mann kommt vielleicht auf einen Kaffee vorbei.

Ich ging rein und stand im Wohnzimmer. Auf dem Esstisch fand ich Croissants und eine Thermoskanne, machte mir einen Kaffee zurecht und wollte schon wieder zum Zelt gehen, als ich aus dem Nebenraum eine Stimme hörte.

»Wo bleibst Du denn, wir sind schon viel zu spät.«

Eine Tür ging auf, und vor mir stand die Frau, die ich im Fenster gesehen hatte. Sie war kahl und hielt eine Perücke in der Hand. Das Kleid, das ihr früher gut gepasst haben musste, hatte sie an der Seite zusammengeknotet. Ihre Lippen waren aufgeplatzt, und sie hatte tiefe Ringe unter den Augen. Sie grinste mich an. Ich fing an zu stottern.

»Morgen. ’Tschuldigung, Ihr Mann hatte mich …«

»Ich weiß«, sagte sie. »Ich hatte gehofft, Sie kämen nackt.«

Sie hielt ihre Perücke hoch: »Jetzt sind wir ja quitt. Setzen Sie sich.«

Wir setzten uns, sie zog die Perücke auf.

»Danke für den Kaffee«, sagte ich.

»Schon gut«, sagte sie und schlug die Beine übereinander. Das Kleid rutschte hoch, und ich schaute nicht schnell genug weg. Sie lächelte und senkte die Stimme.

»Mein Mann ist in die Stadt gefahren, der kommt erst später zurück.«

Sie sah mich an. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Sie lachte laut auf und rief: »Wo bleibt denn nur Jean-Claude? Haben Sie ihn gesehen, unseren Nachbarn? Langer Bart, großer Hund.«

»Nein«, sagte ich, »heute noch nicht.«

Wir saßen noch etwas, dann hörten wir draußen die Hupe. Sie sprang auf und eilte zur Tür, ich hinterher.

»Ziehen Sie nachher zu«, sagte sie.

Auf dem Weg zum Auto drehte sie sich nicht mehr um. Ich blieb in der offenen Tür stehen. Der Hund saß diesmal auf dem Rücksitz, mit seiner hängenden Zunge, und glotzte mich an, bis das Auto auf die Landstraße abgebogen war.

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