WIENER PLATZ

Wie die meis­ten Näch­te lag ich auf dem Futon und konn­te nicht schla­fen. Ich hat­te irgend­wo Gras her, und das Radio lief. Die Nacht­tisch­lam­pe war gegen die Wand gerich­tet. Einen Nacht­tisch hat­te ich nicht, die Lam­pe stand auf dem Boden, neben dem Futon, der auch nur auf dem Boden lag, auf dem blau­en Tep­pich­bo­den. Drau­ßen auf dem Platz fing einer an zu brül­len.

Der Platz war ziem­lich groß, Hal­te­stel­len, tags­über viel Ver­kehr, da war das an sich nichts Beson­de­res. Bloß um die Uhr­zeit, und dann so mono­ton, fast rhyth­misch, aber laut bis zur Hei­ser­keit. Das klingt, als wär’s an jeman­den gerich­tet, dach­te ich: jemand, der oben am Fens­ter steht – und zit­tert. Oder lacht. Das hör­te und hör­te nicht auf, immer die­sel­ben Sät­ze. Schließ­lich mach­te ich doch das Fens­ter auf. Der Schrei­hals lief in wei­ten Krei­sen über den Platz.

»Die haben uns dau­ernd kaputt­ge­macht. Dau­ernd kaputt­ge­macht. Wohin denn noch, ohne Finan­zen. Die haben uns doch dau­ernd kaputt­ge­macht…«

Unten vorm Haus, neben den Tele­fon­zel­len, stand sei­ne Frau. Das heißt, ich sah eine grü­ne Jacke mit Kapu­ze, aus der ein Paar dün­ne Bei­ne rag­ten. Ich wuss­te aber gleich, dass es sei­ne Frau war. Sie stand ker­zen­gra­de, die Bei­ne eng zusam­men, die Arme vor dem Bauch ver­schränkt, neben sich zwei Stoff­beu­tel: wahr­schein­lich der gan­ze Haus­stand. So blieb sie ste­hen, völ­lig reg­los, bis kurz vor Schluss der Sze­ne. Er dage­gen wan­der­te die gan­ze Zeit umher. Von den Tele­fon­zel­len über die Stra­ße, ohne zu schau­en über die vier Spu­ren, bis auf den Platz, dann immer in Krei­sen und irgend­wann zurück zu sei­ner Frau. Und wie­der von vor­ne, dazu die Paro­len.

»Kein Eigen­tum, kei­ne Finan­zen, kei­ne Woh­nung! Die haben uns dau­ernd kaputt­ge­macht.«

Auf dem Platz war für Ostern die Kir­mes auf­ge­baut. Da stand er vor den bun­ten Lämp­chen und brüll­te in den Auto­scoo­ter rein.

»Fünf Jah­re totes Leben. Wohin denn, wohin denn? Die haben uns doch dau­ernd kaputt­ge­macht. Die Ban­ken, die Behör­den.«

Und zeig­te ganz plau­si­bel: links auf die Spar­kas­se, rechts auf die Mel­de­hal­le. Der weiß schon, was er macht, dach­te ich, auch die Akus­tik war auf sei­ner Sei­te. Der Platz trich­ter­te das Geschrei wie tags­über den Ver­kehr und das Stim­men­ge­wirr. Ich ver­stand jedes Wort, obwohl an die hun­dert Meter und drei Stock­wer­ke zwi­schen uns lagen.

Irgend­wann lief er nur noch in einem engen Kreis: »TOD DEM GANZEN LAND! TOD DEM GANZEN LAND! TOD DEM GANZEN LAND!« und immer so wei­ter, bis ihm die Stim­me weg blieb, und ich dach­te: Gleich weint er. Ein Auto — wirk­lich das ein­zi­ge in der gan­zen Zeit? — kam fast zum Ste­hen, bis er einen Satz drauf zu mach­te und es ver­jag­te.

Nach die­sem Höhe­punkt erst mal Stil­le. Ich hät­te fast das Fens­ter zuge­macht, dann hör­te ich klei­ne Geräu­sche aus sei­ner Rich­tung: Knis­tern, Rau­schen, Kna­cken, Mur­meln. Was war das, was hat­te er denn da? Ein Funk­ge­rät? Tat­säch­lich, jetzt konn­te ich es auch sehen: ein dickes Funk­ge­rät. Wie pass­te das denn zusam­men?

Da kommt von links die ers­te Strei­fe, ohne Sire­ne. Drei stei­gen aus, gehen auf ihn zu, der Wagen blo­ckiert die Stra­ße. Er guckt nach rechts, fängt an zu stol­pern, von da kommt der nächs­te, schräg über die Spu­ren geparkt, zwei stei­gen aus. Jetzt dreht er durch, den­ke ich, da kom­men noch wel­che, in zivil und viel zu schnell, brem­sen direkt vor sei­nen Kni­en. Zwei in Leder­ja­cken stei­gen aus, und wie er die sieht, fängt er an zu grin­sen. Drei von links, zwei von rechts, die Leder­ja­cken von vor­ne: und er grinst.

In dem Moment geht die Frau los. Die Stoff­ta­schen lässt sie ste­hen und macht genau sechs Schrit­te, in Rich­tung der Grup­pe, obwohl man sich schon auf sie zu bewegt. Dann bleibt sie ste­hen und war­tet, bis alle bei ihr sind. Kur­zer Wort­wech­sel, dann geht sie genau die sechs Schrit­te zurück zu den Taschen. Ich den­ke: Rück­wärts wär’ am schöns­ten. Sie dreht sich aber um und geht vor­wärts.

Die Poli­zis­tin spricht sehr laut. Die Frau reicht ihr schä­bi­ge Klar­sicht­hül­len. Scheint alles in Ord­nung zu sein. Dan­ke für das Funk­ge­rät. Wo hat der denn das Funk­ge­rät gefun­den? Mal in der Post nach­se­hen, da kommt dann was Net­tes. Wie sol­len die denn Post bekom­men?

Der Mann hat die Frau an die Hand genom­men, jeder trägt einen der Stoff­beu­tel. Die Frau hat noch kein Mal die Kapu­ze abge­nom­men. An der Ampel blei­ben sie ste­hen: es ist rot. Das ist nicht euer Ernst, den­ke ich. Doch. Sie blei­ben an der roten Ampel ste­hen und dre­hen sich um zur Poli­zis­tin. Gehen Sie ruhig, sagt die Poli­zis­tin, kommt ja grad kei­ner. Aber die bei­den win­ken ab. Sie war­ten noch eben. Bis es grün wird. Dann gehen sie los.

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