DEUTSCHE AM STRAND

I was coun­ting the bla­des of grass,
 sag­te er zur Ent­schul­di­gung.
— W. G. Sebald

Am Strand war von den Deut­schen nichts zu sehen. Wir guck­ten uns die Augen wund, mei­ne Mut­ter und ich; nichts. Mein Vater schleif­te die blaue Ikea-Tasche hin­ter sich her. Sie hin­ter­ließ eine tie­fe Spur, in der sei­ne Fuß­ab­drü­cke ver­schwan­den. Mei­ne Mut­ter hat­te nur Ziga­ret­ten und ein Feu­er­zeug dabei.

Der Sand war so heiß, dass mir die Füße brann­ten. Ich woll­te mich dran gewöh­nen, aber es ging nicht. Das Was­ser war noch zu weit weg, nir­gend­wo eine Bank, nicht mal Fel­sen. Ich hüpf­te auf einem Bein und hielt die Füße in der Luft, solang es ging.

»Ich hab dir doch gesagt, du sollst die San­da­len anzie­hen«, sag­te mei­ne Mut­ter. »Geh mal hin­ter dei­nem Vater her.«

In der Schleif­spur war der Sand feucht und kühl. Ich ging rück­wärts und guck­te mei­ner Mut­ter zu. Sie hat­te einen wei­ßen Stroh­hut und eine Pilo­ten­bril­le auf, einen blau­en Bade­an­zug an und ein rotes Sei­den­tuch als Rock um die Hüf­ten gewi­ckelt. Sie dreh­te sich aus dem Wind und mach­te sich unter der Hand eine Ziga­ret­te an.

Mir stach etwas Har­tes in den Fuß. Es war eins mei­ner Autos, ein Jeep, den ich einem Freund geklaut hat­te. Er muss­te aus der Tasche gefal­len sein.

Mein Vater ging lang­sam mit dem schwe­ren Gepäck. Ich konn­te ja nicht vor­bei. An irgend­ei­ner Stel­le blieb er ste­hen, dreh­te sich zu uns und zuck­te mit den Schul­tern. Mei­ne Mut­ter nick­te. Ich zog mein Hemd aus und rann­te ins Was­ser.

Als ich zurück­kam, hat­te mein Vater die Schir­me und den Wind­schutz auf­ge­stellt. Mei­ne Mut­ter saß auf ihrem Stühl­chen und rauch­te. Ich leg­te mich auf den Bauch und guck­te in mei­ne Arm­beu­ge, die aus­sah wie ein Hin­tern.

»Kannst du uns von der Hüt­te ’n Eis holen?«, frag­te mei­ne Mut­ter.

Ich wuss­te es nicht. Ich war noch nie allein zu der Hüt­te gegan­gen. Mein Vater zog einen Schein aus der Tasche.

»Den Rest kanns­te dir nach­her in die Spar­do­se tun.«

Ich zog mein Hemd und die San­da­len an und mach­te mich auf den Weg. Die Hüt­te stand am Ende des Strands auf einer Sand­stein­klip­pe. Der Stein war so weich, dass jeden Win­ter ein paar Meter ins Meer fie­len. Also bau­ten sie die Hüt­te im Herbst ab und stell­ten sie im Som­mer wie­der auf.

Vor der Hüt­te saßen Män­ner an einem Plas­tik­tisch. Sie hat­ten über­all schwarz-graue Haa­re, auch auf dem Rücken und auf den Schul­tern. Ein gro­ßer dün­ner Jun­ge, älter als ich, brach­te Hühn­chen und Frit­ten raus. Einer der Män­ner stand auf und ging zur nächs­ten Pinie, zog sich die Bade­ho­se run­ter und pin­kel­te an den Baum. Der Jun­ge sag­te was, und die Män­ner brüll­ten vor Lachen.

Erst kam ich nicht vor­bei. Einer hielt mich auf und frag­te mich was und lach­te über mich. Ein ande­rer ging mir durch die Haa­re und fass­te mir an die Nase. Dann lie­ßen sie mich durch.

Der alte schwar­ze Mann hin­ter dem Tre­sen grins­te mich an. Sein eines Auge war trü­be, und er hat­te fast kei­ne Zäh­ne. Er rief mir was zu, immer wie­der, und wink­te mich rüber. Ich blieb ste­hen. Eine Frau kam aus dem Hin­ter­zim­mer und scheuch­te den Alten weg. Sie sah aus wie Cleo­pa­tra. Vor ihr hat­te ich kei­ne Angst.

Als ich mein Eis auf hat­te, leck­te ich das Papier ab und sam­mel­te die Krü­mel vom Strand­tuch. Dann guck­te ich aufs Meer. Mei­ne Mut­ter rauch­te noch eine. Mein Vater fing lei­se an zu schnar­chen. Ich ließ mir Sand durch die Fin­ger rie­seln. Der Wind trock­ne­te mir den Schweiß von der Haut.

Ich ging näher ans Was­ser, wo der Sand fest war, um mit mei­nem Jeep zu spie­len. Es war ein Safa­ri-Jeep mit offe­nem Ver­deck und Gum­mi­rä­dern, nicht das bil­li­ge har­te Plas­tik, mit dem ich im Wohn­zim­mer den Boden rui­niert hat­te.

Ich war ein Groß­wild­jä­ger, zum Töten unter­wegs in der Savan­ne. Mein Erz­feind, ein Gum­mi­ty­ran­no­sau­rus, war mir dicht auf den Fer­sen. Die Kon­fe­renz der Tie­re hat­te ihn zu ihrem Beschüt­zer gewählt. Ich ras­te auf einen tie­fen Kra­ter zu. Im letz­ten Moment sprang ich aus dem fah­ren­den Auto, das über die Klip­pe in den Abgrund stürz­te. Mein Feind lief hin­ter­her und flog schrei­end in die Tie­fe, bis er auf dem Boden zer­platz­te.

Aus dem Augen­win­kel sah ich zwei klei­ne Hun­de in mei­ne Rich­tung stür­men. Ich guck­te hoch und schnapp­te nach Luft. Die Deut­schen waren da. Ich nahm den Sau­ri­er und rann­te zu mei­nen Eltern.

»Die sind da«, rief ich, »die sind da.«

Mei­ne Mut­ter sah von ihrem Buch auf. Die Deut­schen hiel­ten genau vor uns, guck­ten kurz rüber und fin­gen an, ihren Bol­ler­wa­gen aus­zu­pa­cken.

»Sol­len wir was sagen?«, frag­te mein Vater.

»Genau in unse­rer Sicht«, sag­te mei­ne Mut­ter.

Zah­len­mä­ßig waren wir unter­le­gen. Die Deut­schen hat­ten zwei Kin­der, einen Jun­gen und ein Mäd­chen, bei­de älter als ich, und die zwei Hun­de. Die Kin­der hat­ten bei­de neon­gelb an. Statt Son­nen­schir­men hat­ten sie einen Pavil­lon. Der Vater gab Anwei­sun­gen, und alle fass­ten mit an. Sie steck­ten Roh­re zusam­men und zogen eine Pla­ne auf. Mei­ne Mut­ter mach­te sich wie­der eine an.

Das deut­sche Mäd­chen schlug ein Rad und lan­de­te auf ihrem Bru­der, der sie lachend und krei­schend in unse­re Rich­tung jag­te. Sie stol­per­ten auf unse­re Strand­tü­cher und mach­ten alles voll Sand. Wir guck­ten sie an, und sie ärger­ten sich, dass wir im Weg waren. Dann rann­ten sie weg mit ihren Hun­den.

Die deut­schen Eltern zogen sich aus. Der Vater war sport­lich und hat­te eine sehr knap­pe Bade­ho­se drun­ter. Die Mut­ter war ein biss­chen dick. Sie öff­ne­te das Ober­teil, er schmier­te ihr den Rücken mit Son­nen­milch ein. Dann guck­te sie sich um und leg­te das Ober­teil zur Sei­te.

Die Kin­der lie­fen allen über die Hand­tü­cher und mach­ten über­all Pur­zel­baum und Hand­stand. Der deut­sche Vater ver­such­te, eine Ziga­ret­te anzu­ma­chen, aber sein Feu­er­zeug ging nicht. Er stand auf und zog sich die Hose zurecht. Ich konn­te deut­lich alles sehen. Er kam zu uns rüber.

»’Tschul­di­gung,« sag­te er, »ich mein’ ich hätt’ Sie rau­chen sehen. Kann ich mal ihr Feu­er­zeug benut­zen?«

Mei­ne Mut­ter gab ihm das Feu­er­zeug.

»Sind sie auch aus Nord­rhein-West­fa­len?«, frag­te mein Vater.

»Ja, ursprüng­lich schon. Hört man das noch?«

»Ein biss­chen.«

»Ich wohn’ schon so lan­ge im Nor­den. Wir ham ja auch so früh Feri­en dies’ Jahr.«

Mein Vater lächel­te. Der deut­sche Vater blieb ste­hen und fühl­te den Stoff an unse­rem Wind­schutz. Mei­ne Mut­ter fing wie­der an zu lesen.

»Na gut, vie­len Dank. Ich komm dann spä­ter noch mal.«

Der deut­sche Vater ging zurück zu sei­ner Frau. Die nack­ten Brüs­te hin­gen ihr zur Sei­te weg und lagen ihr auf den Ober­ar­men.

Auf ein­mal wur­de mir klar, dass ich den Jeep ver­ges­sen hat­te. Er muss­te noch immer in dem Kra­ter lie­gen. Ich lief zum Was­ser, aber das Loch war weg. Das Meer war ange­stie­gen und hat­te alles weg­ge­spült. Alles sah gleich aus. Ich bud­del­te hier und da, drei, vier, fünf Löcher; nichts. Ich stol­per­te auf und ab und schau­fel­te über­all rum. Die Flut kam immer höher. Ich brüll­te das Was­ser an.

»Was machst du denn da?«, sag­te mei­ne Mut­ter.

»Mein Jeep.«

»Was ist damit?«

»Der ist weg.«

»Wir holen dir was Neu­es.«

Ich dreh­te mich um. Der Strand war schon fast leer. Mei­ne Mut­ter stand mit den Füßen im Was­ser, in der einen Hand die Schach­tel und das Feu­er, in der ande­ren die bren­nen­de Ziga­ret­te. Sie hat­te ihren Hut und die Pilo­ten­bril­le auf und das Sei­den­tuch wie­der um die Hüf­ten gewi­ckelt. Mein Vater war schon los­ge­gan­gen und schleif­te das Gepäck in Rich­tung Park­platz. Die blaue Ikea-Tasche leuch­te­te auf dem Sand.

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