wo bleibt denn nur jean-claude

wo bleibt denn nur jean-claude

Am Nachmittag fing es wieder an zu regnen. Ich hatte das Glück, einen Zeltplatz zu finden, weit vom nächsten Ort, ganz zu schweigen von meinem Tagesziel. Kein Mensch zu sehen, das Haus am Eingang schien unbewohnt, aber das Tor stand offen. Der ganze Platz bestand aus einer Wiese und vier verrammelten Blockhütten. Im Waschhaus gab es ausschließlich Behindertentoiletten; in den riesigen Duschkabinen sammelte sich das Laub.

Ich baute mein Zelt auf, stellte den Gaskocher mitten rein und setzte mich nackt vor die Flamme. Später ging ich auch nackt durch den Regen zur Dusche. Als ich fertig war, hatte der Regen aufgehört, und im Haus flackerte ein Fernseher. In einem der Fenster sah ich kurz das Gesicht einer Frau. Ich rannte zum Zelt und zog mich an.

Jetzt sah ich auch, dass neben dem Zeltplatz eine Straße verlief, die zu einem Nachbarhaus führte. Schon kam ein Auto die Straße entlang und parkte vor diesem Haus. Den Fahrer konnte ich nicht sehen. Ein riesiger Schäferhund, der mit hängender Zunge den Kopf aus dem Fenster hielt, versperrte die Sicht. Nur ein langer Bart ragte hinter dem Tier hervor.

Vom Eingang kam jetzt etwas schleppend ein Mann auf mich zu. Auf einmal war richtig was los, einerseits beruhigend, andererseits ernüchternd. Nach meinem Auftritt als Flitzer rechnete ich mit Ablehnung. Ich beeilte mich, ihm entgegen zu gehen.

Wir gaben uns die Hand. Ich hatte nicht den Eindruck, dass er mir etwas übel nahm, aber auch nicht, dass er sich freute. Erst als wir uns einig waren, die Formalitäten auf morgen zu verschieben, wurde er freundlicher. Er bot mir sogar an, zum Frühstück ins Haus zu kommen – nur bitte nicht vor neun. Ich hatte mich noch nicht bedankt, da drehte er sich um und ging in seinen Pantoffeln zurück über den matschigen Weg.

Kaum war er im Haus verschwunden, erschien wieder der Nachbar mit dem Schäferhund, diesmal zu Fuß am Waldrand. Er war stramm unterwegs und starrte mich ungeniert an. Ich starrte zurück und zuckte mit den Schultern, wie um zu sagen: »Und was jetzt?« Er zuckte sofort auch mit den Schultern: »Weiß ich doch auch nicht.«

Am Abend fing der Regen wieder an und hörte auch die ganze Nacht nicht auf. Es klatschte so laut aufs Zelt, dass ich kaum schlafen konnte und morgens lange liegenblieb. Ich putzte mir schließlich im Zelteingang die Zähne und ging zum Haus, um der Einladung zu folgen.

An der Haustür klebte ein Zettel:

Konnte nicht länger warten, wo bleibst Du denn? Alles wie immer, nur der junge Mann kommt vielleicht auf einen Kaffee vorbei.

Ich ging rein und stand im Wohnzimmer. Auf dem Esstisch fand ich Croissants und eine Thermoskanne, machte mir einen Kaffee zurecht und wollte schon wieder zum Zelt gehen, als ich aus dem Nebenraum eine Stimme hörte.

»Wo bleibst Du denn, wir sind schon viel zu spät.«

Eine Tür ging auf, und vor mir stand die Frau, die ich im Fenster gesehen hatte. Sie war kahl und hielt eine Perücke in der Hand. Das Kleid, das ihr früher gut gepasst haben musste, hatte sie an der Seite zusammengeknotet. Ihre Lippen waren aufgeplatzt, und sie hatte tiefe Ringe unter den Augen. Sie grinste mich an. Ich fing an zu stottern.

»Morgen. ’Tschuldigung, Ihr Mann hatte mich …«

»Ich weiß«, sagte sie. »Ich hatte gehofft, Sie kämen nackt.«

Sie hielt ihre Perücke hoch: »Jetzt sind wir ja quitt. Setzen Sie sich.«

Wir setzten uns, sie zog die Perücke auf.

»Danke für den Kaffee«, sagte ich.

»Schon gut«, sagte sie und schlug die Beine übereinander. Das Kleid rutschte hoch, und ich schaute nicht schnell genug weg. Sie lächelte und senkte die Stimme.

»Mein Mann ist in die Stadt gefahren, der kommt erst später zurück.«

Sie sah mich an. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Sie lachte laut auf und rief: »Wo bleibt denn nur Jean-Claude? Haben Sie ihn gesehen, unseren Nachbarn? Langer Bart, großer Hund.«

»Nein«, sagte ich, »heute noch nicht.«

Wir saßen noch etwas, dann hörten wir draußen die Hupe. Sie sprang auf und eilte zur Tür, ich hinterher.

»Ziehen Sie nachher zu«, sagte sie.

Auf dem Weg zum Auto drehte sie sich nicht mehr um. Ich blieb in der offenen Tür stehen. Der Hund saß diesmal auf dem Rücksitz, mit seiner hängenden Zunge, und glotzte mich an, bis das Auto auf die Landstraße abgebogen war.

wiener platz

wiener platz

Wie die meisten Nächte zu der Zeit lag ich auf dem Futon und konnte nicht schlafen. Ich hatte irgendwo Gras her, und das Radio lief. Die Nachttischlampe war gegen die Wand gerichtet. Einen Nachttisch hatte ich nicht, die Lampe stand auf dem Boden, neben dem Futon, der auch nur auf dem Boden lag, auf dem blauen Teppichboden. Draußen auf dem Platz fing einer an zu brüllen.

Der Platz war ziemlich groß, Haltestellen, tagsüber viel Verkehr, da war das an sich nichts Besonderes. Bloß um die Uhrzeit, und dann so monoton, fast rhythmisch, aber laut bis zur Heiserkeit. Das klingt, als wär's an jemanden gerichtet, dachte ich: jemand, der oben am Fenster steht – und zittert. Oder lacht. Das hörte und hörte nicht auf, immer dieselben Sätze. Schließlich machte ich doch das Fenster auf. Der Schreihals lief in weiten Kreisen über den Platz.

»Die haben uns dauernd kaputtgemacht. Dauernd kaputtgemacht. Wohin denn noch, ohne Finanzen. Die haben uns doch dauernd kaputtgemacht...«

Unten vorm Haus, neben den Telefonzellen, stand seine Frau. Das heißt, ich sah eine grüne Jacke mit Kapuze, aus der ein Paar dünne Beine ragten. Ich wusste aber gleich, dass es seine Frau war. Sie stand kerzengrade, die Beine eng zusammen, die Arme vor dem Bauch verschränkt, neben sich zwei Stoffbeutel: wahrscheinlich der ganze Hausstand. So blieb sie stehen, völlig reglos, bis kurz vor Schluss der Szene. Er dagegen wanderte die ganze Zeit umher. Von den Telefonzellen über die Straße, ohne zu schauen über die vier Spuren, bis auf den Platz, dann immer in Kreisen und irgendwann zurück zu seiner Frau. Und wieder von vorne, dazu die Parolen.

»Kein Eigentum, keine Finanzen, keine Wohnung! Die haben uns dauernd kaputtgemacht.«

Auf dem Platz war für Ostern die Kirmes aufgebaut. Da stand er vor den bunten Lämpchen und brüllte in den Autoscooter rein.

»Fünf Jahre totes Leben. Wohin denn, wohin denn? Die haben uns doch dauernd kaputtgemacht. Die Banken, die Behörden.«

Und zeigte ganz plausibel: links auf die Sparkasse, rechts auf die Meldehalle. Der weiß schon, was er macht, dachte ich, auch die Akustik war auf seiner Seite. Der Platz trichterte das Geschrei wie tagsüber den Verkehr und das Stimmengewirr. Ich verstand jedes Wort, obwohl an die hundert Meter und drei Stockwerke zwischen uns lagen.

Irgendwann lief er nur noch in einem engen Kreis: »TOD DEM GANZEN LAND! TOD DEM GANZEN LAND! TOD DEM GANZEN LAND!« und immer so weiter, bis ihm die Stimme weg blieb, und ich dachte: Gleich weint er. Ein Auto — wirklich das einzige in der ganzen Zeit? — kam fast zum Stehen, bis er einen Satz drauf zu machte und es verjagte.

Nach diesem Höhepunkt erst mal Stille. Ich hätte fast das Fenster zugemacht, dann hörte ich kleine Geräusche aus seiner Richtung: Knistern, Rauschen, Knacken, Murmeln. Was war das, was hatte er denn da? Ein Funkgerät? Tatsächlich, jetzt konnte ich es auch sehen: ein dickes Funkgerät. Wie passte das denn zusammen?

Da kommt von links die erste Streife, ohne Sirene. Drei steigen aus, gehen auf ihn zu, der Wagen blockiert die Straße. Er guckt nach rechts, fängt an zu stolpern, von da kommt der nächste, schräg über die Spuren geparkt, zwei steigen aus. Jetzt dreht er durch, denke ich, da kommen noch welche, in zivil und viel zu schnell, bremsen direkt vor seinen Knien. Zwei in Lederjacken steigen aus, und wie er die sieht, fängt er an zu grinsen. Drei von links, zwei von rechts, die Lederjacken von vorne: und er grinst.

In dem Moment geht die Frau los. Die Stofftaschen lässt sie stehen und macht genau sechs Schritte, in Richtung der Gruppe, obwohl man sich schon auf sie zu bewegt. Dann bleibt sie stehen und wartet, bis alle bei ihr sind. Kurzer Wortwechsel, dann geht sie genau die sechs Schritte zurück zu den Taschen. Ich denke: Rückwärts wär' am schönsten. Sie dreht sich aber um und geht vorwärts.

Die Polizistin spricht sehr laut. Die Frau reicht ihr schäbige Klarsichthüllen. Scheint alles in Ordnung zu sein. Danke für das Funkgerät. Wo hat der denn das Funkgerät gefunden? Mal in der Post nachsehen, da kommt dann was Nettes. Wie sollen die denn Post bekommen?

Der Mann hat die Frau an die Hand genommen, jeder trägt einen der Stoffbeutel. Die Frau hat noch kein Mal die Kapuze abgenommen. An der Ampel bleiben sie stehen: es ist rot. Das ist nicht euer Ernst, denke ich. Doch. Sie bleiben an der roten Ampel stehen und drehen sich um zur Polizistin. Gehen Sie ruhig, sagt die Polizistin, kommt ja grad keiner. Aber die beiden winken ab. Sie warten noch eben. Bis es grün wird. Dann gehen sie los.

alles mit nach oben

alles mit nach oben

»Gehet hin in Frieden.«

Viele von früher sind da, nicken sich zu und pressen die Lippen aufeinander.

»Ist trotzdem schön, dich zu sehen.«

»Fährst du noch mit nach oben?«

»Nimm mal die Kleine.«

»Hast du noch Tempos?«

»Die Predigt war gar nicht schlecht.«

Die Leute gehen in alle Richtungen weg. Es nieselt, Glättegefahr. Wenn wir mit hoch wollen, müssen wir jetzt los. Ist das die Tochter? Die hab ich seit zwanzig Jahren nicht gesehen.

»So, wir sehen uns dann oben. Ihr kennt den Weg?«
»Ja, danke. Ich glaub, die meisten sind schon los, wir müssen mal gucken, wo man da parken kann.«

Wir kommen mit als Letzte oben an und kriegen einen Parkplatz noch hinterm Ortsschild. Die Kapelle ist so voll, wir stehen draußen. Gibt es jetzt noch eine Messe? Nur einen Segen, heißt es. Darf man die Hände in die Taschen, wenn man draußen steht? Ich muss, ich hab keine Handschuhe mit. Ich setze auch die Mütze wieder auf. Überall Ehemalige, kleinlautes Hallo. Ich stehe halb auf dem Weg, halb auf dem Bordstein, neben einer Pfütze.

Alle werden still, und wir denken, jetzt geht’s los. Aber es passiert überhaupt nichts. Alles still und nichts passiert. Wieviele sind da? Zwei-, dreihundert? Ich kann von so weit hinten gar nichts sehen. Wenn mich nachher einer fragt, wie die Kapelle war, kann ich nur sagen: von außen verschiefert.

Wir warten. Einer im Anzug kommt raus, drinnen wär noch Platz. Der Bestatter. Einige gehen rein, die meisten wollen sich nicht aufdrängen. Wir auch nicht, wir gehen sogar etwas weiter raus, bis wir nicht mehr unter dem Vordach stehen. Zum Glück ist es gerade trocken.

Da kommt die Familie. Deshalb dauert das so lange, ich dachte, die wären längst drin. Wahrscheinlich keinen Parkplatz mehr gefunden. Stehen vor den vielen Rücken, die ihnen den Weg versperren. Beraten – ich glaube wirklich – ob sie nicht auch draußen bleiben, wenn es drinnen so voll ist.

Der Älteste fängt an, Leute auf Seite zu bitten. Etwas älter als ich, mir fällt der Name nicht ein. Die Leute denken, da drängt sich einer durch, und bleiben stehen. Er ist ziemlich klein und läuft in die Schultern und Oberarme rein. Jetzt kommt auch die Frau, also die Witwe, auf die Tochter gestützt. Die sind noch mal kleiner. Aber sie weint und schnieft und redet so laut, dass die Leute sich umdrehen und dann auf einmal viel zu viel Platz machen. Der Älteste legt allen die Hand an den Arm, als wollte er sie wieder zusammenziehen, sich doch lieber nah an ihnen vorbeidrücken als so durch das Spalier.

Wie endlich alle drin sind, fängt die Orgel an. Von draußen versteht man kein Wort. Ein alter Lehrer von mir hat Krümel auf der Fleecejacke. Keinen Mantel gefunden? Ein Paar blaue Augen guckt mich an, ein hübsches Lächeln, zwischen zwei alten Männern durch. Sie merkt schon, dass ich sie nicht erkenne und grinst.

Hinter uns schlägt eine Glocke los, so laut, dass alle zusammenzucken. Ich halte mir die Ohren zu. Schlimmer als ein Krankenwagen, anscheinend soll die ganze Stadt es wissen. Drinnen kommt Bewegung auf. Alle treten auf der Stelle, weil erst die Familie raus soll.

Der Älteste und der Jüngste tragen die Urne an langen Henkeln, der Älteste lässig, die freie Hand in der Hosentasche, bis er es merkt und dann nicht weiß, wohin damit. Dann die Witwe mit der Tochter, dann die Eheleute der Kinder mit den sieben Enkeln, dann seine Geschwister mit Eheleuten und Kindern, dann ihre Schwester aus Neuseeland mit Familie, dann die ersten, die ich nicht mehr kenne, wahrscheinlich auch kein Blut mehr, nur noch Wasser. Enge Freunde vielleicht, die hab ich nie gekannt. Da ist der Hausarzt, zu dem hier früher alle hin sind, der Bürgermeister, der Schulleiter und so weiter.

Wir warten schön ab und mischen uns ins Hauptfeld. Bis zum Grab sind es nicht mehr als fünfzig Meter, aber wir kommen nicht so weit. Wahrscheinlich doch so dreihundert Leute, schätze ich, hinter uns noch mehr als vor uns.

Alle gucken nach links, da ist eine Pennerin aufgetaucht. Dass es das gibt auf dem Land. Volles Ornat, mit Plastiktüten, Parka, eingerollter Isomatte. Schaut ein bisschen pikiert, als würden wir ihr durchs Wohnzimmer laufen. Müsste man eigentlich die Polizei rufen. Als Schüler hätte ich so was nicht gedacht. Ob die hier schläft, bei dem Wetter?

Wir hatten erst nicht ans Grab gewollt; die armen Leute, müssen Hunderten die Hand geben. Aber wie sie das macht, die Witwe, das ist so toll, wir entscheiden uns um. Die meisten erkennt sie sofort, ruft laut den Namen, lacht, weint, nimmt sich für jeden die Zeit, nimmt jeden in den Arm, auch die Fremden, lässt sich von jedem was erzählen. Das kann dauern.

»Das ist schon toll«, sagt sie, »so einen Mann gehabt zu haben. Ist auch gut, dass es so rum war, über mich hätte der nicht so viel Gutes gehört.«

Wir kommen mit den anderen ins Gespräch. Erst flüstern alle, dann wird ganz normal geredet. Hinter mir weint einer, neben mir macht einer Witze. Der hinter mir muss auch kurz lachen und weint dann wieder los.

Da kann er ja praktisch von hier auf sein altes Haus gucken, sagen viele. Es fängt wieder an zu regnen. Die Leute rücken zusammen und teilen sich die Schirme. Nur kalt ist es, vor allem in den guten Schuhen. Man müsste Glühwein trinken.

kotze funghi

kotze funghi

Denn wo zwei oder drei versammelt sind in
meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.
Matthäus 18,20

Der kleine Patrick durfte nicht mit zum Strand. Scheißerei. Jetzt sitzt er bei uns im Küchenzelt. Behindert in dem Sinne ist er nicht, aber auch nicht so richtig da. Zu klein für sein Alter, aber nicht kleinwüchsig. Löst den ganzen Tag Sudokus, aber weiß nicht, wie die Monate heißen. Kein Fisch, kein Fleisch, der Junge. Dazu die dicken Lippen, und immer quillt der Speichel durch die schiefen Zähne.

»Was gibt’s denn heute Abend zu fressen?«, fragt er.

»Für dich Zwieback«, sagt der Koch.

»Bah.«

»Du bist doch krank.«

»Ist mir scheißegal.«

Der Koch und ich schütten Reste vom Vortag zusammen. Tomatensoße, Lauchsuppe, Kakao mit dicker Haut. Patrick kommt näher und guckt mit großen Augen in den Eimer.

»Was ist das denn?«

»Kotze Funghi«, sagt der Koch.

»Dein Abendessen«, sage ich. »Den Zwieback willste ja nicht.« Er guckt mich an mit seinem offenen Mund und zeigt auf den Eimer.

Als die anderen vom Strand kommen, läuft er ihnen entgegen. »Heute Abend gibt’s Kotze Funghi!«

»Na endlich«, rufen die Jungs. Ein paar Mädchen sind angewidert, das ist für Patrick nichts Neues. Einer der Leiter, ein Dachdecker, der immer mit nacktem Oberkörper geht, reibt sich den Bauch. Patrick guckt ihn an.

»Stimmt das wirklich?«

»Kotze Funghi? Ja klar.«

Nach und nach kommen alle in den Zeltkreis, zweiundfünfzig Kinder und die Leiter. Alles in allem sechzig Mann. Der Dachdecker pfeift seine Jungs ran, die ältesten im Lager.

»Macht mal was mit dem Patrick.«

»Och nee, nicht mit Panne Patrick!«

»Wenn ich noch einmal den Namen höre! Komm, der war den ganzen Tag schon nicht dabei. Nehmt den mit, der will einfach nur dabei sein.«

Patrick steht daneben und darf sich das anhören. Der Ort, wo wir hier sind, heißt De Panne, daher der Name.

»Sabber nich’ wieder so rum«, sagt der Älteste und gibt Patrick die Federbälle in die Hand. Dann streichelt er ihm über die Haare, und Patrick lehnt den Kopf an seine Schulter. Mitspielen darf er nie. Aber was für ein Balljunge! Wie ein junger Hund. Läuft in die Brennnesseln, sogar in die Brombeeren rein. Jeden Abend neue Pflaster.

Der Koch und ich machen uns an die Arbeit. Sechzig Schnitzel. Klopfen, salzen, pfeffern. Mehl, Ei, Krümel. Dann das Braten. Drei Flaschen Rapsöl. Die tiefen Pfannen auf dem offenen Gas. Wir stehen im heißen Fleischgeruch, obwohl das Zelt nach allen Seiten lüftet. Nebenbei die Kartoffeln. Salat mit Soße. Saft und Tee. Während alle essen, den Pudding anrühren. Danach muss alles wieder sauber. Die meisten der Kinder, vor allem die Jungs, haben noch nie im Leben gespült.

Als die Kinder in den Zelten liegen und die Leiter sich zum Saufen an den Tisch gesetzt haben, mache ich meinen Spaziergang. Ich setze mich an die Promenade und baue mir meine Tüte. Direkt am Strand nur Hochhäuser, soweit das Auge reicht. Sieht aus wie im Osten. Ich war noch nie im Osten, aber so stelle ich mir das vor: überall Hochhäuser.

Auf dem Rückweg haut es mir richtig rein. Ich muss winzige rote Augen haben. Aber die anderen werden so voll sein, dass sie es gar nicht merken. Ich hör sie schon am Eingang. Dass die Belgier das mitmachen. Dabei hatten wir extra den hintersten Winkel bekommen.

Der Leitertisch ist voll mit leeren Flaschen. Was die wegsaufen. Der Kaplan ist angekommen. Wir winken uns zu. Kommt immer ein paar Tage zu Besuch. Eigentlich Millionenerbe, ein schwarzes Schaf, sagt der Koch.

Der Dachdecker lacht, als ich reinkomme.

»Hast du ’n Ladegerät für Nokia?«

Ich schüttel den Kopf. Wie die mich angucken alle. Ich setz mich dazu und krieg Bier und Whiskey-Cola hingestellt.

»Ja, dacht’ ich mir schon«, sagt er. »Ich hab’ deine Tasche durchgeguckt. Nur damit du’s weißt.«

Warum fragt er dann noch? Und warum sagt er das so? Was geht der überhaupt an meine Tasche? Alle gucken mich an.

»Komm«, sagt der Koch, »wir machen ’n paar Snacks.«

Beim Saufen geht immer gut was weg. Wir machen Baguettes mit Meeresfrüchten und Remoulade. Großes Hallo. Der Kaplan steht auf, wir falten die Hände.

»Also ich liebe ja Meeresfrüchte. Alles, wie es da so liegt mit den vielen Beinchen nach oben. Sind ja alles Spinnentiere, da darf man gar nicht dran denken. Dabei bin ich überhaupt kein Meerestyp. Wenn ich mal Urlaub mache, immer in die Berge. Schon der Anblick der Berge entspannt mich, da spüre ich wirklich ... die Majestät Gottes. Letztes Jahr war ich mit Freunden in den Alpen. Und was hab’ ich mir im Restaurant bestellt? Den Krabbencocktail.«

Er segnet das Essen und nimmt sich das dickste Baguette.

Ein paar Runden später hat der Dachdecker eine Idee.

»Komm, wir machen Dosenschießen.«

Der Kaplan weiß nicht, was gemeint ist.

»Ihr wollt doch in eurem Zustand nicht auf irgendwas schießen?«

»Nein, nicht schießen. Dosenschießen.«

»Was soll das denn sein?«

»Du machst ein Loch in die Bierdose, setzt das an und machst die Dose oben auf. Dann schießt das raus, bis die Dose leer ist.«

»Wie, alles in einem Zug?«

»Ja klar!«

Der Kaplan hat Angst. Ich kriege auch eine Dose. Der Dachdecker zieht sich das Hemd aus, sogar der Kaplan zeigt die Hühnerbrust. Ich traue mich nicht, ich hasse solche Momente. Der Koch reicht uns einen Büchsenmilchöffner, und einer nach dem anderen machen wir uns das Loch in die Dose.

Wir setzen an und öffnen auf Kommando. Das Bier schießt mir hart und kalt in den Rachen. Die anderen brüllen und feuern uns an. Der Kaplan hat schon zu kämpfen. Ich verschlucke mich und gebe auf, das Bier zischt in die Zeltecke. Der Dachdecker gewinnt, der Kaplan ist noch dran. Alle trommeln auf den Tisch. Er schafft es und schlägt sich vor die Brust. Großer Jubel.

Wir stehen noch ein bisschen rum, ich natürlich wie der letzte Depp. Der Kaplan ist stolz, die anderen klopfen ihm auf die Schulter. Auf einmal macht er große Augen und hält sich die Hand vor den Mund.

»Ich kann nicht rülpsen«, sagt er. »Meine Mutter hat es mir verboten.«

Alle lachen.

»Nein, im Ernst«, sagt er, »das ist so tief drin, ich mach das nie. Nicht mal, wenn ich allein bin.«

»Brauchst dich doch nicht zu schämen«, sagt der Dachdecker und rülpst laut.

»Du musst«, sagt der Koch, »das hält dein Magen nicht aus.«

»Ich kann aber nicht!«

Der Kaplan ist verzweifelt. Er hält sich den Bauch, die Hand vorm Gesicht, Tränen in den Augen, und tritt von einem Fuß auf den anderen.

»Willste mal rausgehen?«, fragt der Dachdecker.

Der Kaplan nickt und läuft aus dem Zelt in Richtung Waschhaus.

Am nächsten Morgen stehe ich im Küchenzelt und räume den Leitertisch auf. Den Koch hat es jetzt auch erwischt. Scheißerei. Der Kaplan setzt sich an den Tisch und trinkt ein Glas Milch. Wir nicken uns zu und schweigen.

Patrick kommt auf uns zu. Ich drehe mich weg, der Kaplan ist zu langsam. Ich sehe noch, wie er sich ärgert. Patrick grinst und stellt sich vor ihn hin.

»Was gibt’s ’n heute zu fressen?«

Der Kaplan schaut kurz in den Himmel. Dann hockt er sich hin und nimmt Patricks Gesicht in beide Hände.

»Kotze Funghi, Patrick. Leckere Kotze Funghi.«

am ende fehlen vier minuten

am ende fehlen vier minuten

Nur noch um die nächste Ecke, dann muss ich zurück; sieben nach fährt der Bus. Was sagt die Uhr? Zwölf Minuten. Was für ein Gesicht – die muss ich unbedingt kriegen. Hier in eins der Häuser ist die nicht, das hätt ich gesehen. Okay, weiter. Elf Minuten. Das geht schon, dann renn ich halt zurück. Die muss hier lang sein!

Warum gibt’s hier so viele neue Autos, die Gegend sieht zum Kotzen aus. Vielleicht ist das der Trick: außen pfui, innen hui? Dachte immer umgekehrt. Obwohl, vielleicht sind nur die Autos neu, und die Häuser am verrotten?

Da vorne, die Kreuzung, da hab ich mehr Überblick. Die Bahn sieht aus wie nach der Wende im Osten geklaut. Die Türen kannst du mit dem kleinen Finger – da vorne! Das blaue Kleid. Ich wusste es. So, und jetzt schön warten bei Rot. Schön warten, bis ich da bin. Wer hält denn da? Bestimmt der Freund. Auch so’n neues Auto, wo haben die nur das Geld her? Nein, nicht einsteigen da.

»Hello. HELLO!« Ja sind die denn taub? »Wait. I’m a photographer.«

Das darf doch nicht wahr sein, die paar Meter! Ja, guck blöd, Opa, du warst nicht gemeint.

»Taxi.« Ach super, der kann mich danach wieder zum Bus fahren. Zehn Minuten. »Hi. Please follow that car. Ha! I’ve always wanted to say that.«

Komm lass gehen, die hauen uns ab. Ach so, im Voraus, klar. Hier, die Hunderter, die krieg ich vor dem Flug eh nicht mehr los. Ja, da geht’s auf einmal. Ich müsste Geld kriegen, bei deinem Gestank. Wie der fährt, mir ist schlecht. Mein Gott, ist das hässlich hier. Ruhig mehr Bomben drauf, aber erst, wenn ich weg bin. Neun Minuten. Schaff ich. Wieso halten wir denn jetzt? Ach so, das Christenviertel. Och Leute, warum denn immer so schwierig? Obwohl, warte mal, die haben da hinten auch gehalten. Sie steigt aus, seh ich das richtig? Okay, jetzt schnell. Acht Minuten.

»Can you wait? Just a few minutes.«

Ich lass den Koffer hier.

»Excuse me! HELLO!« Ich glaub bald echt, die ist taub. Der Freund im Auto hat mich gesehen. Soll ich den einfach fragen? Ich geh erst mal hier in die Gasse. Das stinkt vielleicht, wie kann man nur so leben? Nach Fisch und Scheiße. Wo geht’s denn jetzt weiter? Die nächste links wär gut, hier durch das Gatter. Wenigstens kann ich mal was sehen. Da hinten vor dem Laden, vielleicht krieg ich sie rangezoomt? Nein, das bringt’s nicht. Ich würd so gern mal abbiegen.

Glocken?! Wo kommt das denn jetzt her? Bin ich schon so weit gelaufen? Neun Uhr, also sieben Minuten. Da geht’s endlich rum. Wie die mich angucken alle. Die dicken Mamas. Stinken gegen den Wind. Paar Straßen weiter alles neue Autos, und ihr stapft hier durch die Kloake. Aber wenn’s wieder brennt, schön die Kinder in die Kamera halten.

Es hat keinen Zweck, ich muss zurück zum Taxi. Ach scheiße Mensch, so kurz vorm Ziel. Sechs Minuten. Ich würd ja mit’m Taxi bis zur Grenze, scheiß auf den Gestank. Aber das macht der nicht, niemals, das Risiko geht der nicht ein. Ich Arschloch, warum bin ich nicht gestern schon raus, mit den Franzosen?

Ist das der Typ hinter mir, der Freund? Wie kommen die bloß an die neuen Autos? Läuft der mir nach? Wo ist sie denn jetzt hin? Und die Kirche. Da war doch so was wie ne Piazza, ich hab Tassen klappern hören.

Fünf Minuten. Vielleicht kann ich den Bus mit dem Taxi einholen. Ob der noch mal die Tür aufmacht? Ich glaub, das ist der hinter mir. Komm, ich frag den einfach, wo sie hin ist. Wieso hab ich denn jetzt so ne Angst? Ist doch alles gut. Ich bring deine Freundin groß raus. Oder die Schwester, was weiß ich. So, hier noch mal um die Ecke.

Na endlich! Mein Gott, bist du schön.

»Hello. I’m sorry. Do you speak English?«

Komm, jetzt lächel doch mal. Macht der Typ mir da den Weg zu? Wo hab ich denn das Bargeld hin?

»Can I take your picture? I’m a photographer. From Germany.«

Jetzt guck mich halt nicht so an. Der Bus macht bestimmt noch mal auf. Warum sagt sie denn nichts? Der Typ hat ’n Messer. Ich mach das jetzt einfach. Sonst geb ich ihm halt die Handys, die Uhr... Ich glaub ich nehm ihn mit drauf: die Schöne und das Biest. Hoffentlich wartet das Taxi. Vier Minuten.

das rote auto

das rote auto

Erstes Bild.

Ein sonniger Herbsttag. Das ganze Bild ist etwas schief. Links steht über allem die Kirche, Schiff und Turm halbiert. Darunter die Landstraße, wo früher der Hang weiterging. Eine Mauer stützt die Kante, ungefähr einsachtzig hoch. Mittendrin führt eine Treppe hoch zur Kirche, daneben geht die Mauer noch etwas weiter, bis der rechte Bildrand sie abschneidet. Da hängt noch ein halbes gelbes Straßenschild, Bielefeld 15 km, an einem rot-weißen Gatter, das an die Mauer geschraubt ist. Man könnte meinen, das Gatter ließe sich herumklappen, um den Treppenaufgang zu versperren, zum Beispiel bei einer Flut. Das ergibt natürlich gar keinen Sinn, schon gar nicht in dieser Gegend. Nur von der Breite könnte es passen. Im Vordergrund des Bildes ist nur noch die Mündung einer Straße zu sehen, die t-förmig auf die Landstraße trifft.

Das rote Auto, ein Citroën GS, steht links im Bild an der Landstraße, direkt unter der Kirche, und zeigt in Richtung Bielefeld. Ein Riss geht durch den Kotflügel, und wenn das unten an den Türen kein Schmutz ist, dann ist es wohl ziemlich starker Rost. Dabei kann das Auto so alt noch nicht sein. Neben dem Kennzeichen prangt der Aufkleber mit dem »D«.

Rechts vom roten Auto hockt eine Frau an einem roten Kinderwagen. Ihr Rücken ist gerade, die Sohlen stehen ganz auf dem Boden. Sie zeigt mit dem Finger auf den Fotografen, der Arm ist durchgestreckt. Die Haare sind hellblond, fast weiß, und leuchten im Sonnenlicht. Dass sie sich mit der zeigenden Hand das Gesicht verdeckt, ist kein Zufall. Sie tut so, als würde sie dem Kind den Fotografen zeigen, aber das Kind schaut ganz woanders hin. In Wahrheit will sie nur nicht geknipst werden. Sie hasst es, aber sie sagt nichts. Sie duckt sich weg und macht allen was vor. Sie verschanzt sich mit dem Kind hinter der eigenen Hand.

Oben auf der Mauer, am Treppenaufgang, hat sich jemand hingesetzt. Weiße Ärmel, schwarze Weste, es könnte ein Geselle auf der Walz sein. Dieselben hellen Haare leuchten. Das rechte Bein ist angewinkelt, das Knie vor die Brust gezogen. Es ist kein Geselle, sondern ein Mädchen, vielleicht fünfzehn. Obwohl sie sich weggesetzt hat, ist nichts Abweisendes zu erkennen; keine Spur von Trotz. Der Rückzug sieht eher nach Rücksichtnahme aus, ein zugewandter, hoffnungsvoller Abstand. Vielleicht auch nur ein Folgeleisten, eine sanfte Leere. Auch sie blickt in Richtung des Fotografen.

Der Fotograf schaut auf seine Familie. Er ist der Besitzer des roten Autos. Die Schäden an dem Wagen hat er nicht ausbessern lassen. Er scheut natürlich die unmittelbaren Kosten, was absolut typisch ist. Drei Mal im Jahr in Urlaub fahren, aber das Auto verkommen lassen. Dabei ist es ja das Auto, mit dem man in Urlaub fährt. Tausende Kilometer, nach Frankreich und Spanien, wo sonst schon niemand mehr hinfährt, seit die Flüge erschwinglicher sind. Der größere Schaden am Auto, der nur noch, das wissen auch die Nachbarn, eine Frage der Zeit ist, wird ihn deutlich teurer zu stehen kommen. Totalschaden möglicherweise. Es hat aber keinen Zweck, man kann sich den Mund fusselig reden. Er kommt nun mal aus beengten Verhältnissen. Als jüngstes Kind lernt man die Schnauze zu halten. Es reicht sowieso nicht für alle. So viele Kartoffeln und Wintermäntel kann sich ja kein Mensch leisten, schon gar nicht so kurz nach dem Krieg. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Am Ende gab es nicht mal was zu erben. Das kleine Haus geteilt durch sieben Kinder – da reicht es eben nur für einen Franzosen.

Zweites Bild.

Es hat sich ein bisschen was getan. Die Farben sind kühler, der Sandstein der Kirche weniger grell. Die Wärme ist weg. Nur das Auto ist auf beiden Bildern gleich rot. Der Ausschnitt ist etwas nach links gerutscht und zeigt ein paar neue Details. Links vom roten Auto steht eine nachtblaue S-Klasse. Ein Haus ragt jetzt ins Bild, das Eckhaus der einmündenden Straße. Am Haus ein geschmiedetes Kneipenschild: »Zum schiefen Turm«. Leider ist der echte Turm auch in diesem Bild oben abgeschnitten. Der rechte Bildrand hat auf seinem Weg nach links ein ganzes Stück Mauer vernichtet. Auch das Straßenschild ist weg. Fast so, als wäre doch noch eine Flut gekommen.

Um dieser Auslöschung zu entgehen, hat sich das Mädchen von der Treppe bewegt und steht jetzt bei der Frau mit dem Kind. Sie ahnt noch nicht, dass sie sich Sicherheitsnadeln durch die Augenbrauen stechen wird. Dass sie sich die Haare färben, das meiste sogar abrasieren wird. Dass sie eine der wütenden jungen Frauen sein wird, in einem Leopardenimitat. Sie wird überhaupt keine Lust haben zu rebellieren. Man wird ihr aber keine Wahl gelassen haben.

Die Mutter hat sich hingestellt, aber aufrecht steht sie nicht. Sie trägt eine Indianerjacke, weiß und rot, mit Folklore-Fransen. Sie schaut nach rechts, von wo der Bildrand näher kommt. Der Kollege, mit dem sie auf der Eifelwanderung in einem Zimmer geschlafen hat, versucht es seitdem immer wieder.

Das Mädchen schaut auch nach rechts. Man könnte meinen, sie hätten beide Angst vor dem Moment, wenn sie der Bildrand erreicht. Noch sind sie im Ausschnitt, aber sie müssen mitziehen, sonst könnte es knapp für sie werden. Dabei könnte es eine solche Erleichterung sein, wenn dieser Blick von ihnen abließe.

Das Kind im roten Kinderwagen schaut jetzt direkt in die Kamera. Sein Blick wird eingefangen und fünfunddreißig Jahre lang in einer Pappschachtel aufbewahrt, bis ich ihn selbst erwidern kann.

Die Bilder sind misslungen, alle beide. Der Horizont ist schief, der Himmel weiß, der Bildausschnitt ist eine Katastrophe. Es gibt überhaupt kein Motiv und keine erkennbare Struktur. Nirgends ein goldener Schnitt. Der Fotograf war offensichtlich überfordert. Er wollte wohl alles auf einmal und hat dabei alles in Stücke gelegt. Alles, was er liebte, und alles, was ihn quälte, hat er mit einem Mal vor sich gehabt. Die Kirche, das Auto, die Frau und die Kinder. Wenn er nur ein bisschen zurückgegangen wäre! Zwanzig Meter. Oder das Objektiv gewechselt hätte! Aber es hilft ja nichts. Er hat mit dem, was er hatte, getan, was er konnte. Er hat sich bemüht. Er hat sich verschätzt. Er hat die Gelegenheit verpasst.

polnischer abgang

polnischer abgang

Barbara am Strand, den Rücken zu mir, den Hintern ausgestellt, die Hände auf den Hüften, den Blick in Richtung Sonnenuntergang. Trotzend, aber still. Eine dunkle Fläche, hinter der die Sonne hervorstrahlt. Ich sehe nur, dass ihr auf der linken Backe der Stoff verrutscht ist. Da klebt der Sand auf der Haut, der auch beim Duschen nie ganz weggeht, und der mir nachher zwischen den Zähnen knirscht.

Die Abendsonne kann mich nicht mehr trocknen. Ich ärgere mich, dass mir die Lippen zittern. Du hast schon ganz blaue Lippen, hieß es früher. Das ist mir lange nicht passiert. Ich bin sonst nie am letzten Tag zum Strand. Immer am vorletzten Abend auf den Platz, ohne mir was anmerken zu lassen — und dann weggeblieben. Hab mich ins Café gesetzt, mich gelangweilt, immer auf dem Sprung, aber nicht noch mal hin. Das war vor Barbaras Zeiten.

Ich hab mich auch auf Partys selten verabschiedet. Polnischer Abgang, auch wenn ich alleine weg bin. Wenn nicht, hat es eh niemand erwartet. Wenn ich woanders aufgewacht bin, hab ich im Flur einen Zettel hingelegt. Auf die Kommode, in die Schale mit den Schlüsseln oder an das Notizbrett. So unterschiedlich sind die Haushalte nicht. Wenn es eine Schale für die Schlüssel gab, lagen oft Batterien und Pfennige mit drin. Und abgerissene Knöpfe. Was man nicht gleich versorgen kann, aber auch nicht wegschmeißen will. Einmal habe ich einen Gruß auf eine Autoscheibe gemalt und dann von der Scheibe ein Foto gemacht. Das Foto hab ich noch, aber wer auf dem anderen Sitz lag, weiß ich nicht mehr.

Barbara dreht sich um. »Hast du schon Tschüss gesagt?«

Ich schüttle den Kopf. »Aber das liebe Meer!«, sagt sie, »wer weiß, wann wir noch mal hier sind?«

Der Junge, der immer neben uns lag, starrt in den Sand vor seinen Füßen. Barbara geht zu ihm. Er sieht sie erst, als sie vor ihm in der Sonne steht. Sie hockt sich hin, sie reden. Geh ihm aus der Sonne, denk ich. Er schaut ihr zu lang auf die Brüste.

Wir fahren zurück in die Hügel, die Plätze am Wasser waren ausgebucht. Unserer liegt am Hang, aber die Zeltwiese ist unten. Kein Ausblick. Im Auto fliegt schon alles durcheinander, Handtücher, Wasserflaschen, zerknüllte Papiertüten. Überall Sand und Krümel und fettige Handabdrücke. In der Ablage unterm Navi sammelt sich Kleingeld mit Flusen und Kaugummipapierchen.

Ich gehe vom Waschhaus direkt ins Restaurant. Barbara hat Oliven bestellt. Sie schreibt Postkarten. Es müssen die sein, die sie ungern schreibt, oder die sie zu viel gekauft hat. Die wichtigen hat sie schon Anfang der Woche verschickt.

Die junge Kellnerin mit der derben Stimme hat ihren letzten Tag. Der Koch und der Barmann stellen ihr einen Schnaps nach dem andern hin. Sie lachen alle viel zu laut. Wenn sie ein Essen vom Tresen holt, verlangt der Koch für jeden Teller einen Kuss.

Dann stehen sie im Fenster des großen Saals. Drinnen sitzt niemand, aber sie müssen doch wissen, dass man auch von außen alles sieht. Sie wühlt ihm durch die Haare, er greift ihr in die Hose, knetet sie unterm Stoff. Dann hebt er sie hoch. Sie umschlingt ihn mit den Beinen. Als sie in die Küche wanken, legen einige Gäste das Besteck zur Seite.

Barbara hilft mir beim Packen. Sie rollt die Sachen so eng, dass immer noch Platz bleibt für ein Souvenir. Ich denke an den Koch und die Kellnerin und lege ihr die Hand an die Hüfte. Sie lacht und greift mir an die Hose. Wir ziehen uns aus. Sie dreht sich um und drückt das Gesicht ins Kissen. Nichts peinlicher als ein stöhnendes Zelt. Ich ziehe ihr die Backen auseinander und nehme mit dem Daumennagel einzelne Sandkörner weg.

Irgendwie gelingt es mir, das Zelt zu öffnen, ohne dass Barbara aufwacht. Ich lasse es offen und nehme meinen Rucksack aus dem Auto. Die Taschenlampe schwächelt. Ich lege die Batterien und meinen Wohnungsschlüssel zu dem Kleingeld in die Ablage.

Oben vom Schlagbaum hat man die schönste Aussicht. Über den Bergen fängt es an zu dämmern. Einige Wolken ziehen aufs Meer. Da kommt nichts nach. Der Himmel über mir ist sternenklar.

deutsche am strand

deutsche am strand

I was counting the blades of grass,
sagte er zur Entschuldigung.
— W. G. Sebald

Am Strand war von den Deutschen nichts zu sehen. Wir guckten uns die Augen wund, meine Mutter und ich; nichts. Mein Vater schleifte die blaue Ikea-Tasche hinter sich her. Sie hinterließ eine tiefe Spur, in der seine Fußabdrücke verschwanden. Meine Mutter hatte nur Zigaretten und ein Feuerzeug dabei.

Der Sand war so heiß, dass mir die Füße brannten. Ich wollte mich dran gewöhnen, aber es ging nicht. Das Wasser war noch zu weit weg, nirgendwo eine Bank, nicht mal Felsen. Ich hüpfte auf einem Bein und hielt die Füße in der Luft, solang es ging.

»Ich hab dir doch gesagt, du sollst die Sandalen anziehen«, sagte meine Mutter. »Geh mal hinter deinem Vater her.«

In der Schleifspur war der Sand feucht und kühl. Ich ging rückwärts und guckte meiner Mutter zu. Sie hatte einen weißen Strohhut und eine Pilotenbrille auf, einen blauen Badeanzug an und ein rotes Seidentuch als Rock um die Hüften gewickelt. Sie drehte sich aus dem Wind und machte sich unter der Hand eine Zigarette an.

Mir stach etwas Hartes in den Fuß. Es war eins meiner Autos, ein Jeep, den ich einem Freund geklaut hatte. Er musste aus der Tasche gefallen sein.

Mein Vater ging langsam mit dem schweren Gepäck. Ich konnte ja nicht vorbei. An irgendeiner Stelle blieb er stehen, drehte sich zu uns und zuckte mit den Schultern. Meine Mutter nickte. Ich zog mein Hemd aus und rannte ins Wasser.

Als ich zurückkam, hatte mein Vater die Schirme und den Windschutz aufgestellt. Meine Mutter saß auf ihrem Stühlchen und rauchte. Ich legte mich auf den Bauch und guckte in meine Armbeuge, die aussah wie ein Hintern.

»Kannst du uns von der Hütte ’n Eis holen?«, fragte meine Mutter.

Ich wusste es nicht. Ich war noch nie allein zu der Hütte gegangen. Mein Vater zog einen Schein aus der Tasche.

»Den Rest kannste dir nachher in die Spardose tun.«

Ich zog mein Hemd und die Sandalen an und machte mich auf den Weg. Die Hütte stand am Ende des Strands auf einer Sandstein-klippe. Der Stein war so weich, dass jeden Winter ein paar Meter ins Meer fielen. Also bauten sie die Hütte im Herbst ab und stellten sie im Sommer wieder auf.

Vor der Hütte saßen Männer an einem Plastiktisch. Sie hatten überall schwarz-graue Haare, auch auf dem Rücken und auf den Schultern. Ein großer dünner Junge, älter als ich, brachte Hühnchen und Fritten raus. Einer der Männer stand auf und ging zur nächsten Pinie, zog sich die Badehose runter und pinkelte an den Baum. Der Junge sagte was, und die Männer brüllten vor Lachen.

Erst kam ich nicht vorbei. Einer hielt mich auf und fragte mich was und lachte über mich. Ein anderer ging mir durch die Haare und fasste mir an die Nase. Dann ließen sie mich durch.

Der alte schwarze Mann hinter dem Tresen grinste mich an. Sein eines Auge war trübe, und er hatte fast keine Zähne. Er rief mir was zu, immer wieder, und winkte mich rüber. Ich blieb stehen. Eine Frau kam aus dem Hinterzimmer und scheuchte den Alten weg. Sie sah aus wie Cleopatra. Vor ihr hatte ich keine Angst.

Als ich mein Eis auf hatte, leckte ich das Papier ab und sammelte die Krümel vom Strandtuch. Dann guckte ich aufs Meer. Meine Mutter rauchte noch eine. Mein Vater fing leise an zu schnarchen. Ich ließ mir Sand durch die Finger rieseln. Der Wind trocknete mir den Schweiß von der Haut.

Ich ging näher ans Wasser, wo der Sand fest war, um mit meinem Jeep zu spielen. Es war ein Safari-Jeep mit offenem Verdeck und Gummirädern, nicht das billige harte Plastik, mit dem ich im Wohnzimmer den Boden ruiniert hatte.

Ich war ein Großwildjäger, zum Töten unterwegs in der Savanne. Mein Erzfeind, ein Gummityrannosaurus, war mir dicht auf den Fersen. Die Konferenz der Tiere hatte ihn zu ihrem Beschützer gewählt. Ich raste auf einen tiefen Krater zu. Im letzten Moment sprang ich aus dem fahrenden Auto, das über die Klippe in den Abgrund stürzte. Mein Feind lief hinterher und flog schreiend in die Tiefe, bis er auf dem Boden zerplatzte.

Aus dem Augenwinkel sah ich zwei kleine Hunde in meine Richtung stürmen. Ich guckte hoch und schnappte nach Luft. Die Deutschen waren da. Ich nahm den Saurier und rannte zu meinen Eltern.

»Die sind da«, rief ich, »die sind da.«

Meine Mutter sah von ihrem Buch auf. Die Deutschen hielten genau vor uns, guckten kurz rüber und fingen an, ihren Bollerwagen auszupacken.

»Sollen wir was sagen?«, fragte mein Vater.

»Genau in unserer Sicht«, sagte meine Mutter.

Zahlenmäßig waren wir unterlegen. Die Deutschen hatten zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, beide älter als ich, und die zwei Hunde. Die Kinder hatten beide neongelb an. Statt Sonnenschirmen hatten sie einen Pavillon. Der Vater gab Anweisungen, und alle fassten mit an. Sie steckten Rohre zusammen und zogen eine Plane auf. Meine Mutter machte sich wieder eine an.

Das deutsche Mädchen schlug ein Rad und landete auf ihrem Bruder, der sie lachend und kreischend in unsere Richtung jagte. Sie stolperten auf unsere Strandtücher und machten alles voll Sand. Wir guckten sie an, und sie ärgerten sich, dass wir im Weg waren. Dann rannten sie weg mit ihren Hunden.
Die deutschen Eltern zogen sich aus. Der Vater war sportlich und hatte eine sehr knappe Badehose drunter. Die Mutter war ein bisschen dick. Sie öffnete das Oberteil, er schmierte ihr den Rücken mit Sonnenmilch ein. Dann guckte sie sich um und legte das Oberteil zur Seite.

Die Kinder liefen allen über die Handtücher und machten überall Purzelbaum und Handstand. Der deutsche Vater versuchte, eine Zigarette anzumachen, aber sein Feuerzeug ging nicht. Er stand auf und zog sich die Hose zurecht. Ich konnte deutlich alles sehen. Er kam zu uns rüber.

»’Tschuldigung,« sagte er, »ich mein’ ich hätt’ Sie rauchen sehen. Kann ich mal ihr Feuerzeug benutzen?«

Meine Mutter gab ihm das Feuerzeug.

»Sind sie auch aus Nordrhein-Westfalen?«, fragte mein Vater.

»Ja, ursprünglich schon. Hört man das noch?«

»Ein bisschen.«

»Ich wohn’ schon so lange im Norden. Wir ham ja auch so früh Ferien dies’ Jahr.«

Mein Vater lächelte. Der deutsche Vater blieb stehen und fühlte den Stoff an unserem Windschutz. Meine Mutter fing wieder an zu lesen.

»Na gut, vielen Dank. Ich komm dann später noch mal.«

Der deutsche Vater ging zurück zu seiner Frau. Die nackten Brüste hingen ihr zur Seite weg und lagen ihr auf den Oberarmen.

Auf einmal wurde mir klar, dass ich den Jeep vergessen hatte. Er musste noch immer in dem Krater liegen. Ich lief zum Wasser, aber das Loch war weg. Das Meer war angestiegen und hatte alles weggespült. Alles sah gleich aus. Ich buddelte hier und da, drei, vier, fünf Löcher; nichts. Ich stolperte auf und ab und schaufelte überall rum. Die Flut kam immer höher. Ich brüllte das Wasser an.

»Was machst du denn da?«, sagte meine Mutter.

»Mein Jeep.«

»Was ist damit?«

»Der ist weg.«

»Wir holen dir was Neues.«

Ich drehte mich um. Der Strand war schon fast leer. Meine Mutter stand mit den Füßen im Wasser, in der einen Hand die Schachtel und das Feuer, in der anderen die brennende Zigarette. Sie hatte ihren Hut und die Pilotenbrille auf und das Seidentuch wieder um die Hüften gewickelt. Mein Vater war schon losgegangen und schleifte das Gepäck in Richtung Parkplatz. Die blaue Ikea-Tasche leuchtete auf dem Sand.