Bedenkenlose Räume

Geschrieben am 1 KommentarVeröffentlicht in Essay

Ein mir flüchtig bekannter Dichter beklagte sich vor Jahren bei mir über seine damalige Frau. Oft, wenn er sich ans Schreiben machte, öffnete sie die Tür zu seinem Arbeitszimmer, schob keck das halbe Gesicht in den Türspalt, zog sich gleich wieder zurück und wiederholte dann diese Andeutung, bis ihr Mann vollkommen abgelenkt war und sich nicht mehr imstande sah, zu arbeiten. „Jetzt bin ich drin. Jetzt bin ich raus. Jetzt bin ich drin. Jetzt bin ich raus.“ Ein grausames Spielchen. […]

, , , ,

Keine Spur

Geschrieben am 2 KommentareVeröffentlicht in Glosse

Ohne zu sehr ins Detail zu gehen: Ich hatte ein Bauchgrimmen. Es war ein wütendes und hässliches Grimmen, das mir den Schlaf raubte. In männlicher Umnachtung wartete ich einen Tag zu, ob die Schmerzen sich nicht von selber legen würden. Sie taten es nicht, also ging ich zum Arzt. Der fackelte nicht lang: Ich müsse sogleich ins Krankenhaus, es könnte der Blinddarm sein. Nein, sagte ich, den habe ich schon seit über 20 Jahren nicht mehr. Das sage ich neuerdings öfter; offenbar bin ich jetzt „in diesem Alter“. Der Arzt besah mich, betastete mich und begutachtete mich und stellte bald fest: „Ich will ihnen nicht nicht glauben. Aber ich sehe keine Narbe.“ […]

, ,

Domian Sous Rature?

Geschrieben am Hinterlasse einen KommentarVeröffentlicht in Kommentar

Viele bekunden heute ihre Solidarität mit Jürgen Domian, der darüber verärgert ist, dass einige seiner Facebook-Beiträge gelöscht wurden. „Mit Meinungsfreiheit hat das nun rein gar nichts mehr zu tun“, schreibt er, und weiter: „Die Texte hätten als Kommentar in jeder öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalt über den Sender gehen können, hätten in jeder Zeitung stehen können.“ Ich fürchte, sein Ärger und der aufziehende Shitstorm gegen Facebook zeigen eine grundsätzliche Fehleinschätzung, die Domian im Grunde genau auf den Punkt bringt, wenn er Facebook eine „vermeintlich demokratische Plattform“ nennt.

,

Etwas lieber nicht zu sagen

Geschrieben am Hinterlasse einen KommentarVeröffentlicht in Glosse

Manchmal muss man sich entscheiden. Falls, phonetisch, Zäsar mit Zizero im Zylinder unterwegs ist, dann müssen sie auch in den Zirzus gehen. In diesem Schriftbild habe ich aber den Eindruck, dass der Besuch beim fahrenden Volk eine Zäsur an der Zitze der Weltliteratur darstellt. Wenn dagegen Käsar und Kikero im Kylinder den Kirkus aufsuchen, liest sich das wie der Einzeiler im Programmheft eines „kultigen“ Films, der von der Freundschaft eines alten Gockels mit einem Stück Emmentaler handelt. […]

, , , ,

Berliner Lust

Geschrieben am 2 KommentareVeröffentlicht in Glosse

Von der Berliner Luft hatte ich schon viel gehört. Ich kann mich sogar an einen Bilderwitz erinnern, aus der Zeit, als die noch so hießen, wo Berliner Luft in Einmachgläsern angeboten wird, oder in Thunfischdosen, ich weiß es nicht mehr genau. Was die Berliner Luft so besonders macht, wusste ich bisher aber nicht. Jetzt habe ich einen ganz deutlichen Eindruck davon; er, der Eindruck, und sie, die Luft, liegen mir noch in der Nase. […]

, , , ,

Harfen und Klabauter

Geschrieben am Hinterlasse einen KommentarVeröffentlicht in Glosse

Ich blättere momentan in alten Notiz- und Tagebüchern, da ich einen bestimmten Text suche. Ich finde ihn nicht, es ist zum Verrücktwerden. Ich weiß noch genau, in welcher Umgebung und unter welchen ungünstigen Umständen er entstanden ist. Ein paar wenige Fetzen sind mir auch noch im Gedächtnis, aber, verdammte Hacke, ich weiß nicht, in welcher der alten Kladden und Hefte er sich versteckt. […]

, ,

Die Zuckerprotokolle, Teil I

Geschrieben am Hinterlasse einen KommentarVeröffentlicht in Glosse

30. Januar. Seit Tagen Lust auf Zitronencremeschnitte. Keine auffindbar, scheue den weiten Weg zur Feinkostabteilung im Kaufhof. Behelfe mir notdürftig mit einer Käsesahneschnitte. Unbefriedigend. Satt. Mache trotzdem Eintopf warm, um die Klebrigkeit zu überdecken. Stelle zum wiederholten Male fest, dass Klebrigkeit mir nicht liegt. […]

, , ,

Jahresendgedanken

Geschrieben am Hinterlasse einen KommentarVeröffentlicht in Glosse

Ich liebe krank im Bett und denke an die verschiedensten Dinge. Diesen Satz lese ich noch einmal und bemerke den Fehler, den ich stehen lasse. Ich liebe es gar nicht, krank im Bett zu liegen, aber es stellt sich ein erstaunlicher und verführerischer Luxus ein. Die verspätete Steuererklärung, die Deadline meines zurzeit lukrativsten Auftrags – „Ende des Jahres“, die E-Mails aufgeregter Studierender: verblasst und verpufft. Auch die „lieben Weihnachtsgrüße“, seit Tagen unbeantwortet: ganz weit weg. Ich liege nur da und starre in die Bilder, die mir allmählich auf der Raufasertapete entstehen. […]

, , ,

Urlaub auf dem reisenden Ort

Geschrieben am 4 KommentareVeröffentlicht in Essay

„Das Fahrrad“, schreibt Michel Foucault, „ist der ungewöhnlichste Ort der Welt.“ Na ja, das stimmt nicht ganz. Es ist das Schiff, das Foucault so bezeichnet. Er nennt es „die Heterotopie schlechthin“, wobei eine Heterotopie nämlich so etwas ist wie ein ungewöhnlicher Ort, der zwar dem gewöhnlichen Ort ähnelt, aber doch stets ein bisschen anders ist. […]

, , , ,

Die Ankunft im Abfall

Geschrieben am Hinterlasse einen KommentarVeröffentlicht in Glosse

Ein älterer Herr riecht stark nach Schweiß, als ich durch die enge Gasse gehe, die sich mir zwischen seinem geparkten Auto — im offenen Kofferraum säckeweise Bauschutt — und der kleinen Hütte, eine Art Wächterhäuschen mit Platz für höchstens eine Person, mühsam eröffnet. Von drinnen am Fenster der Hütte ein Schild: „Einbrecher bitte zweimal klingeln.“ […]

Blumenkübel aus Ländern Europas

Geschrieben am Hinterlasse einen KommentarVeröffentlicht in Glosse

Ich war vor 16 Jahren erstmals und letztmals in Nordamerika. Das fiel mir auf, als ich mich heute daran erinnerte. Ich erinnere mich sehr gerne daran, wie ich im Banff (oder war es der Jasper?) National Park auf einem abgeknickten Ast lag, der größer war als mein Schulbus und in die Baumkronen hochstarrte, die fast so hoch waren wie der Kölner Dom. Na sagen wir mal halb so hoch, das ist ja auch schon ganz schön viel. […]

, , , , ,

Kunst und Leid

Geschrieben am 2 KommentareVeröffentlicht in Essay

Ich behaupte, der bemerkenswerteste Satz zum Thema Kunst stammt von David Lynch: „You don’t have to suffer to show the suffering.“ Nicht nur, dass mir dieser Satz den ansonsten furchterregenden Auftritt Lynchs an der Kölner Uni rettete, wo er vor einigen Jahren seine Meditationssekte vorstellte. Für mich enthält dieser Satz den größten Widerspruch, den es in der Kunst gibt. […]

, , ,